Frank Knoche (stellvertretender Vorsitzender)

Warum bin ich im Pina-Bausch-Freundeskreis?

Fußball, Handball, Basketball oder Rugby, die Rolling Stones, Muhamed Ali, das waren die interessanten Helden meiner Kindheit und Jugend. Tennis, Golf, Klassische Musik und gerade Ballett, das war für mich affige, etablierte, bürgerliche Dekadenz. Das Tanzen – außer Rock’n’Roll und Twist – hatte mir als pubertierendem Internationsschüler der Fernsehtanzlehrer Fern gründlich vermiest. Kleidung und Anstandsregeln waren da wichtiger als die Umsetzung von Gefühl in Bewegung. Später, als politischer Aktivist war für mich Kultur, wenn der Saal voll und in der Kasse kein Defizit war.

Mein Freund Martin Könner, ein begnadeter Erzähler, Schach- und Geigenspieler, nahm mich mit nach Wuppertal zu einem Pina-Bausch-Stück. Ich glaub es war „Kontakthof“. Kann aber auch „Café Müller“, oder das „Frühlingsopfer“ gewesen sein. So genau erinnere ich mich nicht. Jedenfalls habe ich damals innerhalb kurzer Zeit alle diese Arbeiten von Pina Bausch in Wuppertal gesehen und war genauso begeistert, wie ich vorher skeptisch war. Ballett? ÄÄHHHH! Das ist doch was für Scheintote.

Die Tanztheaterstücke von Pina Bausch waren aber ganz anders, als dass was ich an standardtisierten Positionsschritten und Tutu-Röckchen, weil mein Vater sich davor drückte, mir als Begleiter meiner Mutter in der Abo-Reihe des Solinger Theaters an Balett in den 60er Jahren ansehen musste.

In meiner Moskauer Zeit, Mitte der 80er Jahre, musste ich dann allerdings zur Kenntnis nehmen, dass auch klassisches Ballett, selbst bei der arbeitenden Bevölkerung einen Stellenwert hatte, der mit Eishockey und Schach konkurieren konnte. Als ich damals in Leningrad, dem heutigen Sankt Petersburg, eine Demonstration bestaunte (die es in der westlichen Darstellung nie gegeben hat, bzw. nicht ins Konzept passte), welche den Abriss des Hotels Angleterre verhindern wollte, weil sich dort der beliebte russische Volksdichter Sergej Jessenin am 28. Dezember 1925 in seinem Zimmer erfolgreich erhängt hatte, hörte ich zum ersten Mal den Namen Isadora Duncen. Die in Amerika geborene Tänzerin, welche sich 1922 mit Jessenin verheiratete (ein Russe mit einer US-Amerikanerin!), hatte schon frühzeitig versucht, das erstarrte klassische Ballett zu revolutionieren, bzw. auf seine Ursprünglichkeit hin, zu reformieren. Meiner Meinung nach gibt es viele Parallelen zwischen Pina Bausch und Elenora Duncen.

Später habe ich nie verstanden, warum diese Frau Bausch, die in Solingen geboren wurde, von den Honoratioren dieser Stadt niedergemacht wurde. Mein ansich stockkonservativer Freund, Jochen Sprengel, hatte mir mal erklärt, dass er einen ähnlichen Konflikt und Kulturschock mit Maria Callas erlebt hatte. Die habe auch die zum Wunschkonzert verkommene Oper erneuert und seine Mutter, wie viele Freunde der traditionellen Oper geschockt. Für ihn verkörperte aber die Callas das Ende der muffigen Kultur in der Adenauer-Nachkriegszeit.

Im Ausland auf Solingen angesprochen, war ich jedenfalls immer froh und stolz darauf, dass ich auch Pina Bausch anführen konnte, wenn die Frage kam, dass eigentlich Adolf Eichmann der bekannteste Solinger sei.

Mit dem Pina-Bausch-Freundeskreis verbinde ich die Hoffnung, dass unsere Stadt ein neues Verhältnis zu dieser Ausnahmekünstlerin gewinnt und dass solche positiven Persönlichkeiten, im Gegensatz zu Eichmann und Hindenburg, die jungen Menschen dieser Stadt inspiriert, eingefahrene und überflüssige Rituale und Gewohnheiten zu überwinden, um mutig und unbeirrt für eine gerechtere Welt zu kämpfen.

Frank Knoche