Pina Bausch

Dr. Jan Crummenerl

„Mich interessiert nicht, wie die Menschen sich bewegen, sondern was sie bewegt“

Gedanken, Stimmen und Fakten zu Solingen und Pina Bausch anlässlich des 70. Geburtstags der 2009 verstorbenen Tanztheater-Ikone, die vor 40 Jahren ihren ersten Auftritt im städtischen Theater hatte.

Beifallsstürme im Theater: „Sie kam gern nach Solingen, und die Solinger feierten sie als ihren Star.“ Ebenso begeistert wie das Publikum an diesem denkwürdigen 8. November 1970 ist Dr. Georg Sowa, der diese Zeilen – seines Zeichens Rezensent des Solinger Tageblattes – vor 40 Jahren schreibt. An diesem Tag gastiert die 30-jährige Pina Bausch als Choreographin und Solo-Tänzerin zum ersten Mal mit dem Folkwang-Tanz-Studio in ihrer Heimatstadt Solingen. Zehn Jahre zuvor hat sie ihr alter Lehrer Kurt Jooss, einer der bedeutendsten Vertreter der deutschen Tanzmoderne nach dem Zweiten Weltkrieg, gebeten, aus den USA an das von ihm wiederbelebte Folkwang-Ballett, dem späteren Tanz-Studio, nach Essen zu kommen. Pina Bausch ist zur besagten Zeit Ballett-Stipendiatin der Julliard School of Music in New York – und die Metropolitan Opera winkt schon. Aber sie kommt nach Europa zurück, nach Deutschland, in die heimatliche Region. Weniger die weite Welt lockt sie als die Möglichkeiten, nach ihrer Vorstellung arbeiten zu können. Und die Ideen und deren Umsetzungen der international schon erfolgreichen Choreographin sind an diesem Novemberabend des Jahres 1970 im Solinger Theater schon vollständig präsent. „Tanz soll, und das ist die Meinung der Künstlerin, Vorstellung und Phantasie beflügeln und Atmosphäre schaffen“, so Georg Sowa weiter. „Das Unerwartete, das Überraschende schafft dabei – im Gegensatz zu dem herkömmlichen Ausdruckstanz – zentral gelegene Spannungsfelder.“

Schon lange vor ihrer Wuppertaler Zeit ist Pina Bausch alljährlicher Gast auf der Solinger Bühne. Einen „fast unüberschaubaren Ideenreichtum und Lust an Kreativität“ bescheinigt ihr derselbe ST-Kritiker, als sie im November 1971 mit ihren Essener Tänzern wiederkommt – „als Zeichen ihrer Verbundenheit mit der Klingenstadt“, wo sie „ein aufgeschlossenes Publikum beschenkt“. Ein gutes Jahr später schreibt Dr. Werner Müller im Tageblatt: „Die Bezeichnung Ballett ist unadäquat für die seelisch-körperliche Breite eines Ausdrucksreichtums, dem urplötzliche Visionen von Menschenangst gelingen, wie wir sie von Bildern Edward Munchs kennen. Expressionistische Ausdrucksformen stellen sich wie von selbst ein.“ Es ist der 14. Januar 1973 und das dritte Gastspiel des Folkwang-Balletts mit seiner Choreographin und Solistin in Solingen. Und es wird zugleich das letzte Gastspiel der Essener sein. Pina Bauschs Wechsel ist bereits unter Dach und Fach.

„Mich interessiert nicht, wie die Menschen sich bewegen, sondern was sie bewegt“, sagt Pina Bausch 1973 anlässlich ihrer Ernennung zur Leiterin des Balletts der Wuppertaler Bühnen, das bald darauf – ganz den Ideen der neuen Chefin entsprechend – in Tanztheater Wuppertal umbenannt wird. Denn der Begriff des klassischen Balletts trifft nicht den Kern dessen, was Pina Bausch auf die Bühne bringen möchte, und der Mittel, derer sie sich dazu bedient. Getanztes Theater, gleichsam Komödie wie Tragödie, soll das ausdrücken, was den Menschen – Tänzer wie Zuschauer – bewegt. Kernfragen der Existenz treten in den Mittelpunkt: Liebe und Angst, Sehnsucht und Einsamkeit, Frustration und Terror, Erinnerung und Vergessen sowie nicht zuletzt die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Oder wie die Germanistin Katinka Schreiber 2005 anläßlich des 65. Geburtstags im ST formuliert: „Im Fokus ihrer über 30 Inszenierungen stehen die vielfältigen, oft komplizierten Beziehungen zwischen den Menschen – wie sie lieben, sich streiten, sogar bekämpfen und dennoch nicht voneinander loskommen: existentielle Themen“ – und das seit ihrer ersten eigenen Inszenierung 1968. Das erkennt der Wuppertaler Intendant Arno Wüstenhöfer, der mit Weitsicht, Instinkt und Mut Bausch von der Ruhr an die Wupper holt. Nur einen tänzerischen Katzensprung von dem Ort entfernt, an dem die Wurzeln ihrer Kunst liegen – lange bevor sie mit 14 Jahren Ballett-Schülerin an der Folkwang-Hochschule wird. „Meine Kindheit war nicht schrecklich“, antwortet Pina Bausch einem bekannten Ballettkritiker, der ebensolches vermutet, „sie war allerdings sehr phantasievoll. Ich bin als Wirtstochter in einem Gasthaus aufgewachsen. Da habe ich viele Menschen ein- und ausgehen sehen und schon frühzeitig zu beobachten gelernt. Ich habe schon als Kind ein tiefes Gespür für meine Mitmenschen und für das, was hinter ihrer Stirn vorgeht, entwickelt. Ich empfinde Menschen sehr stark.“ So sind ihre Stücke weniger geschrieben wie eine Geschichte in einem Buch, Wort auf Wort und Seite auf Seite, sondern wie die Schalen und Schichten einer Zwiebel, wie Ringe und Rinde eines Baums. Bausch: „Meine Stücke wachsen nicht von vorne nach hinten, sondern von innen nach außen.“

Das Ensemble wechselt, Pina Bausch bleibt. Statt mit dem Folkwang-Tanz-Studio ist sie nun beinahe in jeder Saison bis fast in die Mitte der 80er Jahre mit dem Tanztheater Wuppertal in Solingen präsent. So erstmals am 12. Mai 1974 bei einer Mammutveranstaltung zur 600-Jahr-Feier der Stadt. Ironie der Geschichte: Während es für Pina Bausch stürmischen Beifall gibt, rennt Generalmusikdirektor Lothar Zagrosek – ebenfalls der Avantgarde zugetan – das Publikum bei der neuen Musik weg. Im April und Mai 1976 kommt Bausch gleich zweimal mit ihrer Choreographie zu Strawinskis „Le Sacre du Printemps“ nach Solingen. Dieses Tanzdrama wird sie auch 1997 an der Grand Opera de Paris inszenieren. Aus diesem Anlass wird ihr der Orden für Wissenschaft und Kunst „Pour le Merite“ verliehen. Unter den zahlreichen internationalen Kunst- und Staatspreisen (rund 70 insgesamt, inklusive Picasso-Medaille der UNESCO, Bundesverdienstkreuz und Ehrendoktorwürden), die Pina Bausch bekommen hat, ist dieser wohl der bemerkenswerteste. Er kann nur von 40 lebenden Persönlichkeiten gleichzeitig getragen werden. Zu den „Pour le Merite“-Trägern gehören 1997 neben Bausch etwa Dietrich Fischer-Dieskau, Carlos Kleiber und Pierre Boulez. In alten Tagen sind Thomas Mann, Albert Einstein, Käthe Kollwitz, Franz Liszt, Gioacchino Rossini und Guiseppe Verdi Mitglieder dieses Ordens gewesen, der 1842 vom preußischen König Friedrich Wilhem IV. gestiftet und 1952 vom kunstsinnigen Bundespräsidenten Theodor Heuss wiederbelebt wird.

„Le Sacre“ wird in Solingen zum Erfolg: „triumphal“, „atemberaubend“, „urgewaltig“ sind die Vokabeln der Presse. „Die Bravorufe hätten als Chor erschallen müssen, als Anerkennung für die einmalige Leistung auch der Tänzerinnen und Tänzer“: Der ST-Kritiker ist geradezu aus dem Häuschen. Bausch bewegt und begeistert eben mit ihrer neuen Art des Tanztheaters. „Pina ist, wie Sie wissen, die Erfinderin (nicht nur hierzulande) einer neuen Kunst“: Regisseur Wim Wenders, der einen Film über Pina Bausch gedreht hat, weist auf den deutschen Begriff der Bewegung hin, der sowohl Äußeres wie Inneres, Körperliches wie Seelisches meint: „Für diese innere seelische Bewegung macht das Englische den Sprung von ‚Motion‘ zu ‚Emotion‘. Die deutsche Sprache bleibt bei ihrem einen Wort, und das kommt mir hier zustatten, denn nichts kann Pinas Arbeit mehr beschreiben, als dass sie die beiden Bedeutungen meines Lieblingswortes zu einem zusammengeführt hat. ‚Motion‘ ist hier ‚Emotion‘.“

Aber wer etwas bewegt, stößt auch auf Widerstände. So sind die Publikumsreaktionen in den ersten Wuppertaler Jahren gespalten. Neben einer festen Gruppe von Fans gibt es auch lautstarke und sogar tätlich werdende Widersacher. Dabei, wie Pina Bausch klarstellt, will sie mit ihren Stücken alles andere als provozieren. Alleine um „Ehrlichkeit und Genauigkeit“ geht es ihr. Aber die Auseinandersetzung mit den wahren Beweggründen von Bewegungen kann weh tun. So gibt es auch Irritationen um das Stück „Blaubart“. Die ständige Wiederholung von Musikpassagen wird von manchem als „Folter“ empfunden: empörtes Türenknallen und leere Zuschauerplätze. Die Solinger bekommen von dieser Auseinandersetzung nichts mit (oder vielleicht doch?): Die Uraufführung von „Blaubart“ findet am 8. Januar 1977 im Opernhaus in Barmen statt. Bereits für den 10. Februar ist die Solinger Aufführung angesetzt. Aber der Tanzabend fällt aus. Die Wuppertaler Bühnen schicken „Tosca“ als Ersatz.

Bis weit in die erste Hälfte der 80er Jahre kommen Pina Bausch und ihr Tanztheater auf die Solinger Bühne: „Kontakthof“ (1980), „Keuschheitslegende“ (1981) und „Bandoneon“ (1982). Im darauffolgenden Jahr 1983 gibt es ein besonderes Gastspiel in Solingen: 10 Jahre Tanztheater Pina Bausch. Das noch titellose Stück heißt später „Nelken“: Die Künstlerin ist damit fast eineinhalb Jahrzehnte auf der Solinger Theaterbühne präsent. International ist die Choreographin jetzt ganz oben angekommen. Die Solinger Aufführungen werden von begeisterter Zustimmung der Fans getragen – auch wenn andere zeitig das Weite suchen. So stellt ST-Kulturredakteur Alois Weber fest: „Die Meinungen über Pina Bauschs Tanztheater bleiben nach wie vor geteilt.“ Darüber aber müsse man sich im Klaren sein: Wenn man zu Pina Bausch gehe, werde nicht „Schwanensee“ geboten. Alois Weber bringt es 1983 bis heute gültig auf den Punkt: „Pina Bausch kann den Zuschauer mit ihren für viele ungewohnten und unbequemen Spielformen irritieren; sie kann ihn auch ernüchtern; sie kann aber auch seiner Phantasie und seiner Klarsicht auf die Sprünge helfen.“ Für die Kunst der Pina Bausch gilt eben wie für alles Neue: Man muss sich offenen Sinnes und Geistes darauf einlassen können, um es zum einem Erlebnis und zu einer persönlichen Bereicherung werden zu lassen.

Nach den „Nelken“ folgt im April 1984 das Stück „Die sieben Todsünden“ nach Bert Brecht und Kurt Weill, begleitet von Städtischen Orchester. Alois Weber: „Es gab lange, lange Ovationen für die Truppe, die ihre vielseitigen, über das Tänzerische hinausgehenden Begabungen und Qualitäten wie selten zuvor auch den nicht unbedingt auf Pina Bausch ,stehenden‘ Zuschauern nahebrachte.“ Nach dem lauten Jubel folgt plötzlich Schweigen. Für eine auf den 16. Januar 1985 terminierte Aufführung von „Auf dem Gebirge hat man ein Geschrei gehört“ gibt es weder in der Presse noch in den städtischen Unterlagen Belege dafür, dass sie stattgefunden hat. Ein weiterer Tanzabend ist für November 1988 geplant. Auch er kommt nicht zustande. Weitere Gastspiele gibt es nicht. Hier drängt sich geradezu die Frage auf, warum die langjährige und für das Kulturleben der Stadt so bereichernde Beziehung so seltsam still versandet? Nach dem Bericht von Zeitzeugen sind von Solinger Seite aus angegebene technische Gründe nur vorgeschoben. Vielmehr wird der Verdacht nahegelegt, dass in einem Ränkespiel einflussreiche, bodenständigere Kunst-Kost gewohnte Bausch-Gegner am Werke sind. In diese Geschichte ein wenig mehr Licht zu bringen, wäre eine lohnende Aufgabe für den neu gegründeten Freundeskreis Pina Bausch Solingen. Denn der Verein hat sich unter anderem auf die Fahnen geschrieben, Berichte von Zeitzeugen in der Klingenstadt zu sammeln. Ein kleiner Trost für die Solinger Tanztheater-Enthusiasten ist es nach 1984, nur in die Nachbarstadt fahren zu müssen, um weiter diese ganz besondere Kunst der „Prinzessin“ erleben zu können. Und wie der Verfasser aus eigener Anschauung weiß, ist die Autokennzeichen-Fraktion der Solinger nicht die kleinste der Auswärtigen, die die Parkplätze am Wuppertaler Schauspielhaus bevölkert.

„Durch Deine wunderbare Arbeit, mit jedem neuen Stück, und mit jeder Wiederaufführung zeigst Du Dich uns allen, Deinen Zuschauern, die Dir dankbar sind, dass Du uns so bereicherst. Prinzessin! Pina.“ So schließt Wim Wenders seine Laudatio anlässlich der Verleihung des Goethe-Preises 2008 an Pina Bausch in Frankfurt. Reden selbst sind ihre Sache nicht – und schon gar nicht der Rummel um die eigene Person. Bei Premierefeiern hält sie sich lieber an ihrer Zigarette fest. Ihre Sprache ist der Tanz, die Bewegung. Und in dieser Sprache hat sie gesagt, was sie sagen will und sagen muss. „Ich erzähle nun mal keine Märchenballette und auch nicht die Biographien von irgendwelchen hochgestellten Persönlichkeiten. Ich mache Theater für Leute von heute, für Menschen wie du und ich.“ Ein Jahr später, am 30. Juni 2009, ist Pina Bausch in Wuppertal gestorben. In diesem Sommer, der der aktuellen Solinger Spielzeit vorangeht, wäre das zierliche Mädchen der Wirtsleute vom Central und die große Tochter der Klingenstadt 70 Jahre alt geworden.

(Der Pina-Bausch-Freundeskreis dankt Dr. Jan Crummenerl für die Erlaubnis, diesen Text hier wiedergeben zu dürfen, der ursprünglich für das Programm des Solinger Kulturbüros für die Spielzeit 2010/2011 geschrieben wurde.)